23. September 2026
ca. 7 min
Was Seller in der EU jetzt wissen müssen

Der Verkauf auf Amazon oder eBay unterliegt heute auch den Anforderungen von Verpackungsgesetzen. Seit Juli 2022 haben die großen Marktplätze ihre Regeln verschärft. Heute sperren sie Verkäufer ohne EPR-Konformität oder EPR-Nummer routinemäßig. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell Sie handeln müssen.
Viele Seller berichten: Ihr Konto wurde plötzlich gesperrt, weil sie keine Verpackungslizenz (oder EPR-Nummer) nachweisen konnten. Andere verlieren täglich potenzielle Verkäufe, weil ihre Produktlistings gelöscht werden. Das ist nicht Willkür der Plattformen, sondern konsequente Umsetzung europäischer Gesetze. Und es wird nur noch strenger.
Warum die Marktplätze plötzlich so streng werden
Extended Producer Responsibility bedeutet: Wer ein Produkt in den Markt bringt, trägt Verantwortung für dessen Verpackung bis zur Entsorgung. Das ist kein neues Konzept. Die europäischen Behörden haben bemerkt, dass Online-Seller oft unter dem Radar fliegen. Sie zahlen keine EPR-Gebühren und registrieren sich nicht bei den zuständigen Systemen und niemand überwacht sie richtig.
Wenn Sie auf einer Plattform verkaufen wollen, beweisen Sie, dass Sie EPR-konform sind. Das ist nicht optional, das ist Bedingung.
Das Besondere: Die Plattformen sind jetzt selbst haftbar, wenn Sie nicht-konforme Seller dulden. Das macht sie zu starken Vollstreckern von Gesetzen, ohne dass eine Behörde aktiv werden muss.
Amazon: Das Kontrollsystem wird immer enger
In jedem EU-Land, in dem Sie verkaufen. Für Deutschland bedeutet das eine Registrierung im LUCID-Verpackungsregister und Anmeldung bei einem dualen System. Amazon verlangt den Nachweis dieser Lizenz direkt im Seller Central.
Besonderheit Amazon: Der Konzern prüft nicht nur Verkaufsverpackungen. Er verlangt auch Nachweise für Versandverpackungen, also alles, was Sie zum Schutz beim Versand nutzen. Luftpolsterfolie, Versandkartons, Füllmaterial, alles muss lizenziert sein.
Die Strafen für Verstöße sind drastisch. Verstöße führen zu Kontosperrung bis zur kompletten Deaktivierung.
Praktischer Tipp für Amazon-Seller: Laden Sie Ihre Lizenzierungsnachweise proaktiv hoch, bevor Amazon nachfragt. Das zeigt, dass Sie die Regeln ernst nehmen. Machen Sie auch Screenshots von Ihrer LUCID-Registrierung und der dualen System-Anmeldung.
eBay: Weniger Kontrolle, aber ebenso konsequent
eBay hat denselben Weg wie Amazon gewählt und sperrt ebenfalls Seller, wenn Verstöße bekannt werden.
eBay erlaubt auch Privatverkäufer ohne EPR-Konformität, zumindest technisch. Allerdings widersprechen private Massenverkäufer oft der Bestimmung des Gesetzes. Sie gelten rechtlich oft als Unternehmer und müssen sich dennoch lizenzieren.
Praktischer Tipp für eBay-Seller: Klären Sie intern, ob Sie als privat oder gewerblich tätig sind. Wer regelmäßig Waren verkauft, ist gewerblich, egal was eBay im Profil steht. Dann brauchen Sie einen EPR-Nachweis.
Was genau müssen Sie nachweisen?
Die Marktplätze verlangen typischerweise folgende Dokumente: In Deutschland bedeutet das einen LUCID-Registrierungsnachweis und einen Nachweis der Anmeldung bei einem dualen System. Das duale System sendet Ihnen nach der Anmeldung ein Bestätigungsschreiben.
Manche Plattformen verlangen auch ein Konformitätszertifikat, das bescheinigt, dass Ihre Verpackungen recyclingfähig sind. In Deutschland können Sie hierfür die Positivlisten der ZSVR (Zentrale Stelle Verpackungsregister) nutzen.
Bei grenzüberschreitenden Verkäufen brauchen Sie Nachweise aus jedem Zielland. Das ist der größte administrative Aufwand. Ein Amazon-Seller, der in fünf Ländern aktiv ist, braucht fünf Lizenzen.
Die häufigsten Fehler, die zur Sperrung führen
Im Sinne des deutschen Verpackungsgesetzes (VerpackG) sind Sie als Online-Seller der Hersteller und damit selbst lizenzierungspflichtig. Das klingt verwirrend, ist aber entscheidend: Das Gesetz sieht Sie als Erstinverkehrbringer an, weil Sie die Ware in Deutschland in den Verkehr bringen. Ob der ursprüngliche Hersteller in China, Indien oder sonst wo bereits lizenziert hat, spielt keine Rolle. Sie müssen sich trotzdem selbst registrieren und lizenzieren.
Diese Lizenzierungspflicht existiert komplett unabhängig von der Lizenzierung Ihres Lieferanten. Sie tragen die Verantwortung für die Verpackung, die Sie in Deutschland verkaufen.
Versandverpackungen, die beim Endverbraucher landen, gelten als systembeteiligungspflichtig.
Sie registrieren sich bei einem dualen System, aber machen die Anmeldung nicht vollständig. Das bedeutet: Sie sind im System, haben aber nicht bezahlt oder nicht alle Verpackungsmengen gemeldet. Das zählt nicht. Sie müssen vollständig angemeldet sein.
Ihre Lizenz ist abgelaufen oder wurde nicht verlängert. Das duale System schickt Ihnen eine Rechnung, Sie zahlen nicht, und plötzlich sind Sie nicht mehr lizenziert. Die Marktplätze merken das oft mit Verzögerung, aber dann schnell.
Welche Verpackungen brauchen eine Lizenz?
Nicht jede Verpackung ist automatisch lizenzierungspflichtig. Das ist ein häufiger Irrtum.
Verkaufsverpackungen, also die, in der das Produkt zum Endkunden kommt, brauchen immer eine Lizenz. Ein Schokoladenriegel in seiner Packung, Elektronik in ihrer Schachtel, alles lizenzierungspflichtig.
Versandverpackungen, also alles, was Sie nutzen, um das Produkt zum Kunden zu bringen, brauchen auch eine Lizenz. Das ist Versandkarton, Luftpolsterfolie, Füllmaterial, Paketband. Alles.
Transportverpackungen im B2B-Bereich brauchen keine Lizenz. Eine Palette, auf der ein Großhändler 100 Kartons lagert, braucht keine Lizenz. Das ist B2B-Verkehr. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Pflichten gibt. Auch wenn keine Systembeteiligung notwendig ist, bestehen weiterhin Rücknahme- und Nachweispflichten.
Das wichtigste: Als Online-Seller sind Sie praktisch immer in der Situation, dass Sie Verkaufs- und Versandverpackungen brauchen. Also lizenzieren Sie beides.
Die Gebühren: Was kostet EPR-Konformität?
Die genauen Kosten sind schwer zu sagen, weil sie stark von Material, Menge und dualem System abhängen.
Das ist entscheidend: Sie zahlen pro Kilogramm Verpackung an das duale System, aber der Preis pro kg unterscheidet sich massiv je nach Material. Karton und Papier sind deutlich günstiger, Kunststoff ist teurer, Glas wiederum günstiger als Kunststoff.
Das heißt: Bei gleicher Menge zahlt ein Seller mit Kunststoffverpackungen erheblich mehr als einer mit überwiegend Kartonverpackung.
Richtgrößen für kartonlastige Sortimente:
100 kg pro Jahr: 50 bis 200 Euro
5 Tonnen pro Jahr: 500 bis 2.000 Euro
50 Tonnen pro Jahr: 5.000 bis 15.000 Euro
Bei kunststofflastigen Sortimenten können die Kosten erheblich höher liegen. Wenn Sie überwiegend in Kunststoff verpacken, rechnen Sie mit einem deutlich höheren Kostenaufwand auf gleiche Menge.
Der Trick: Wissen Sie, wie viel und welche Materialien Sie verpacken. Das ist die Grundlage für eine realistische Kostenschätzung.
Dazu kommen administrative Kosten. Für viele Seller ist das echter Schmerz. Aber: Die Alternative ist Sperrung. Dann verdienen Sie null Euro, nicht minus 500 Euro.
Schritt für Schritt: So werden Sie EPR-konform
Schritt eins: Klären Sie, in welchen Ländern Sie verkaufen. Amazon-Verkäufer brauchen Lizenzen für jedes Land, in dem ihre Produkte ankommen. Das können mehr sein als die Länder, in denen Sie bewusst verkaufen.
Schritt zwei: Identifizieren Sie alle Ihre Verpackungstypen. Machen Sie eine Liste: Verkaufsverpackungen (mit Material, Gewicht), Versandverpackungen (mit Material, Gewicht). Seien Sie präzise.
Schritt drei: Registrieren Sie sich im LUCID-Verpackungsregister (kostenlos, braucht ca. 30 Minuten). Für andere EU-Länder recherchieren Sie die jeweiligen Register.
Schritt vier: Wählen Sie ein duales System. In Deutschland gibt es 10 zur Auswahl. Vergleichen Sie die Gebühren für Ihre spezifische Situation.
Schritt fünf: Melden Sie sich beim dualen System an und zahlen Sie die erste Gebühr. Sie erhalten eine Bestätigung.
Schritt sechs: Laden Sie die Nachweise auf Amazon, eBay oder Shopify hoch. Machen Sie Screenshots und speichern Sie diese lokal, falls Sie Nachweise später wieder brauchen.
Besonderheit: Bevollmächtigte in anderen Ländern
Wenn Sie in Ländern wie Österreich, Polen oder Frankreich verkaufen, müssen Sie ab der PPWR einen autorisierten Bevollmächtigten (authorized representative) ernennen, wenn Sie dort keine eigene Niederlassung haben. Der kümmert sich um die komplette Registrierung und Erzeugereigenschaft vor Ort.
Das ist jetzt nicht mehr optional, sondern gesetzlich verpflichtend. Die Kosten sind überschaubar, oft 200 bis 500 Euro pro Land pro Jahr.
Die PPWR gilt JETZT: Was sich seit 12. August 2026 geändert hat
Die PPWR ist kein Zukunftsthema mehr, sondern geltendes Recht seit dem 12. August 2026 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten.
Was ab sofort gilt:
Pflicht zur Erstellung einer Konformitätserklärung (Declaration of Conformity) für jede einzelne Verpackung
Online-Plattformen müssen von Herstellern Informationen zur Herstellerregistrierung und erweiterten Herstellerverantwortung einholen und bewerten (Artikel 45 PPWR)
Das bisherige deutsche Verpackungsgesetz wird durch das Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz (VerpackDG) ersetzt.
Was später kommt:
Ab 2028: Einführung einheitlicher Kennzeichnungsstandards und erste Anforderungen an Mehrwegsysteme
Ab 2030 und 2040: Verbindliche Rezyklat-Mindestquoten für Kunststoffverpackungen und breitere Wiederverwendungsquoten
Praktische Ressourcen
In Deutschland: LUCID-Verpackungsregister, dort finden Sie alle dualen Systeme.
Online-Plattformen: Es gibt Dienstleister wie Lizenzero, die Ihnen die komplette Registrierung abnehmen. Das ist oft die beste Option für Seller, die keine Zeit haben.
Fazit: Compliance ist kein Luxus mehr
EPR-Compliance für Online-Seller ist keine Frage von Goodwill oder Nachhaltigkeit. Es ist schlicht notwendig, um auf den Marktplätzen verkaufen zu dürfen. Amazon, eBay und Shopify setzen das konsequent durch.
Die schlechte Nachricht: Wer nicht handelt, wird gesperrt. Das ist nicht theoretisch, das passiert täglich tausendfach.






